Kleist, Die Marquise von O: Hörspiel

Veröffentlicht am: September 29, 2011 | Keine Kommentare

In diesem Jahr feiert der Dichter Heinrich von Kleist seinen 200. Todestag. Am 21. November 1811 erschoss Kleist in Berlin erst seine Freundin Henriette Vogel und anschließend sich selbst. Das Grab von Kleist und Vogel ist bis heute am sog. Kleinen Wannsee in Berlin zu besichtigen. Kleist hinterließ ein überschaubares, aber wirkmächtiges Werk, das sowohl Prosa, Dramen, Gedichte und Essays umfasst. Tatsächlich lässt sich Kleists Werk in einem einzigen Band abdrucken (siehe Helmut Sembdners Kleist-Gesamtausgabe). Unter seinen Prosa-Erzählungen sind v.a. die Selbstjustiz-Novelle Michael Kohlhaas (1808/10) bekannt, sowie die Novellen Das Erdbeben in Chili (1807) und Die Marquise von O… (1808). Von seinen Theaterstücken existieren zahllose Hörspiel-Fassungen; von seiner Komödie Der zerbrochene Krug gibt es sogar mindestens elf Hörspiel-Versionen. Von seinen Novellen gibt es ebenfalls eine Vielzahl von Hörspielfassungen. Nur von seiner berühmten Marquise gab es bislang kein Hörspiel. Das hat nun aber der RBB in Kooperation mit dem SWR anlässlich des Kleist-Jahres 2011 produziert.

Die Marquise von O.: Zusammenfassung

Die Marquise von O. ist eine bis auf den heutigen Tag schockierende Novelle, deren skurriler Anfang auch zeitgenössische Leser noch in Erstaunen versetzt. Die besagte Marquise inseriert in einer Zeitung, weil sie ohne ihr Wissen schwanger geworden ist und nun den Vater des Kindes sucht, den sie, hat sie ihn einmal gefunden, zu heiraten gedenkt. Die folgende Erzählung erzählt rückblickend die Folgen dieser Schwangerschaft; wie der Vater der Marquise seine Tochter aus dem Haus werfen lässt, weil er auf Grund ihrer außerehelichen Schwangerschaft ein “unsittliches Verhalten” vermutet; wie die Marquise mit ihren Kindern aus erster Ehe das väterliche Heim verlässt; wie die Mutter der Marquise zusehends Schuldgefühle ob dieses Rausschmisses bekommt und sich letztlich entschließt, sich mit ihrer Tochter auszusöhnen.

Aber nicht nur die unmittelbaren Folgen ihrer Schwangerschaft werden erzählt, sondern auch deren Ursachen. Der Vater der Marquise sei Kommandant einer Burg in Italien gewesen (Kleist schreibt selbst, dass er die Handlung der Novelle vom Norden in den Süden verlegt habe). Diese Burg wird von russischen Truppen angegriffen und schließlich erobert. Die Marquise, ebenfalls in der Burg, gerät russischen Soldaten in die Hände, die ziemlich unzweideutige Absichten gegen die Marquise hegen, als plötzlich der Graf F auftritt und “die Hunde, die nach solchem Raub lüstern waren, mit wütenden Hieben zerstreute.” Der Graf, Retter der Marquise, “führte sie […] in den anderen, von der Flamme noch nicht ergriffenen, Flügel des Palastes, wo sie auch völlig bewußtlos niedersank. Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen.” Kurze Zeit später dringt die Kunde zu der Familie, dass der noble Retter Graf F in einem weiteren Gefecht ums Leben gekommen sei.

Die Erzählung, die mit den Folgen der ungewollten Schwangerschaft (Vertreibung aus dem väterlichen Haus, Zeitungsannonce, Versöhnung mit der Mutter) begann und dann rückblickend die vorhergegangenen Ereignisse schilderte (Stürmen der Burg, Misshandlung der Marquise, Rettung durch den Grafen F und dessen Tod), holt nun, im weiteren Verlauf, die erzählte Gegenwart ein. Über eine andere Zeitungsanzeige hat sich der Vater des Kindes bekannt gegeben und wird nun ungeduldig erwartet. Sehr verwirrt ist man, als plötzlich der Graf F auftaucht, der überlebt hat und sich zudem als Vater des ungeborenen Kindes zu erkennen gibt. In ihrem Zorn weigert die Marquise sich, ihn zu heiraten. Erst später, nach langer Zeit, gibt sie dem Grafen schließlich doch das Ja-Wort und sagt ihm, dass sie ihn bei seinem Geständnis nicht so sehr als Teufel empfunden hätte, wenn er ihr bei der allerersten Begegnung nicht als ein solcher Engel erschienen wäre. Damit endet die Erzählung.

In einem kleinen, einfachen Gedankenstrich (“Hier – traf er…”) spielt sich die Vergewaltigung der Marquise durch den Grafen F ab. Während unten in der Burg die Säbel rasseln, zieht der Graf die bewusstlose Marquise in einen abgelegeneren Flügel der Zitadelle und vergewaltigt sie. Durch ihre tiefe Bewusstlosigkeit ist es zu erklären, dass die Marquise später, bei der Entdeckung ihrer Schwangerschaft, keine Erklärung für selbige finden kann. Sie weiß nichts von ihrer Vergewaltigung! Das Thema ist, zeitgenössischen Polizeiberichten über Vergewaltigungen nach der Verabreichung von K.O.-Tropfen (PDF) zufolge, von trauriger Aktualität.

Die Marquise von O: Wie stellt man einen Gedankenstrich im Hörspiel dar?

Das Thema der Novelle alleine bietet Anlass genug, sich dem Stoff anzunehmen. Wäre nicht das kleine, medienspezifische Problem, einen Gedankenstrich in einem Hörspiel darzustellen (zur Erinnerung noch mal: “Hier – traf er…”), dann hätte es vermutlich bereits in der Vergangenheit diverse Hörspielversionen dieser Novelle gegeben. So jedoch, ist die Fassung von Radio Bremen, RBB und SWR, die am kommenden Montag, den 03. Oktober Premiere haben wird, die erste ihrer Art. Regisseurin Christiane Ohaus ist seit fast 20 Jahren für die Hörspielproduktionen von Radio Bremen verantwortlich. Ihre Arbeit ist sehr facettenreich: sie produzierte so unterschiedliche Hörspiele wie Robin Hood, Charlotte Brontës Jane Eyre, Charles Dickens Der Raritätenladen oder verschiedene ARD Radio Tatort-Folgen.

Als Komponisten hat Ohaus für die Hörspiel-Marquise den Bassklarinettisten Michael Riessler gewinnen können, der zudem selber schon als Hörspiel-Autor und -Regisseur in Erscheinung getreten ist, unter anderem mit bedeutenden Autoren wie Raymond Federman sowie namhaften Regisseuren, wie Klaus Buhlert. Seine Klarinette spielt den Gedankenstrich der Novellenvorlage. Während abwechselnd ein männlicher Erzähler und eine weibliche Erzählerin die Ereignisse in der Burg schildern, wird die Musik in der Erzählung des männlichen Sprechers zunehmend lauter und eindringlicher, je näher man der berühmten Stelle mit dem Gedankenstrich kommt. Als der Erzähler schließlich das Wort “Hier” spricht, bricht die laute Musik abrupt ab und ein einzelner, langgezogener, klagender Ton der Klarinette eröffnet den Raum für weiteres Geschehen, das jedoch nicht erzählt wird.

Unter den Sprecherinnen und Sprechern sind namhafte Schauspieler/innen wie Katharina Thalbach und Klaus Herm dabei (wenn auch nur in Nebenrollen). Ergänzt wird das Ensemble durch Ingo Hülsmann (der vielen Hörspiel-Enthusiasten als Ford Prefect in Douglas Adams Per Anhalter ins All bekannt sein dürfte), Linda Olsansky (unter anderem aus einer jüngeren Hörspiel-Version von Stendhals Rot und Schwarz bekannt) sowie Imogen Kogge, Roman Knizka, Martin Engler, Bernhard Schütz, Otto Mellies und Hans-Michael Rehberg.

Eine Hörprobe gibt es hier. Die angekündigte Spieldauer beträgt 67 Minuten. Radio-Premiere des Hörspiels Die Marquise von O nach Heinrich von Kleist ist am Tag der Deutschen Einheit, am 03. Oktober 2011 um 20:00 Uhr auf Radio Bremen Nordwestradio.

Bildnachweis: “Heinrich von Kleist”, by ЯAFIK ♋ BERLIN, via flickr.com (Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0). [Link zum Bild]


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